21.08.25 – Seidenproduktion in Margilan
Die Nacht heute war wirklich besonders seltsam. Die Lüftung blies abwechselnd und machte dann wieder lange Pause, so dass es kalt und dann wieder knalle heiß war. Meine Mitschläferin hatte anscheinend die Gebetsapp eingeschaltet, so dass uns um halb fünf der Muezzin weckte… Klar, dass sie nach dem Gebet wieder einschlief und ich natürlich nicht. Früh war ich irgendwie ziemlich durchgeschwitzt und nicht wirklich ausgeruht, das Bett war härter und unbequemer als die Liegen im Zug. Ich verzichtete auf das Frühstück, das gab es eh erst ab 9. Ich packte meine Sachen und war um halb neun draußen. Mit einem Yandex ging es zum Bahnhof, denn dort nebenan hatte ich auf Google ein Cafe entdeckt.

Mit einem leckeren Cappuccino verbrachte ich die Zeit. Mein Zug fuhr um halb 11, es war wieder ein Sleeper. Allerdings hier in Usbekistan lange nicht so schön wie die in Kasachstan, ich hatte mir wieder das obere Bett ausgesucht. Dummerweise auch für alle weiteren Fahrten und das ist hier oben definitiv enger als damals die Billigklasse in Indien. Sitzen ist nicht… Heute war das nicht schlimm, ich faltete mich nur für eine dreiviertel Stunde auf das Bett (das immer noch bequemer war als das heute Nacht…).

Dann war ich auch schon in Margilan und konnte in einer Viertelstunde zum Hostel laufen. Und das war dann definitiv die Entschädigung für das Ding letzte Nacht. Das Evergreen ist ein Traum, der Name ist hier Programm! Ein großer Innenhof, der komplett grün ist, von Topfpflanzen über Weinranken bis hin zu Bananenstauden wächst hier alles!

Und auch der Besitzer ist toll, er spricht zwar nur wenig Englisch, hat aber alle bereit, was man so braucht. Eine Karte, mit den wichtigen Punkten, die Backpacker braucht, Restauranttipps, selbstgemachtes Kompott (das ist hier zum Trinken) und frische Melone. Und da mein Bett schon frei war, durfte ich sogar direkt einziehen.

Die nächste Stunde verbrachte ich auf dem Sofa vor meinem Zimmer, das netterweise keine AC, sondern einen Ventilator hat. Dann lief ich zur Stelle auf der Karte und nahm die empfohlene Marschrutka – hier diese hässlichen ganz schmalen und hoch aussehenden Vans. Die brachte mich bis zur Seidenfabrik, der Touri-Attraktion hier. Genaugenommen gibt es zwei, mein Hausherr hatte eigentlich die andere empfohlen, aber nun stand ich schon mal hier…

Im dazugehörigen Laden wartete ich kurz, dann war eine kleine Gruppe zusammen und startklar für eine Führung durch die Fabrik. Hier bekommt man wirklich alles zu sehen, vom Maulbeerbaum, an dem die Seidenraupen leben, bis zum fertigen Seidentuch.

Die Kokons werden aber im Frühling geerntet, diesen Prozess konnten wir also nicht bestaunen. Dann wird’s brutal, Seide ist definitiv nichts für Veganer! Die Raupen müssen ja getötet werden, sonst gibt’s Schmetterlinge und nix zum Anziehen. Das passiert entweder, indem die Kokons ein paar Tage in der Sonne liegen oder sie werden gekocht, klingt fast noch sympathischer, geht zumindest schneller.

Die Kokons werden dann in Wasser schwimmend abgewickelt. Über 1km ultradünnen Faden liefert ein Kokon und aus vier bekommt man schon ein Seidentuch gewebt. Die Rohseide fühlt sich dann eher an wie Holzwolle, erst durch Waschen wird sie weicher. Dann werden diese dünnen Fäden wieder zu „dickeren“ versponnen, der Kerl, der hier dreht, macht das in einer mega Geschwindigkeit und schafft es trotzdem, fast immer die richtige Höhe zu erwischen. Bei mir wäre das wahrscheinlich ein freundlicher Zickzack.

Danach werden die Fäden als Fläche gespannt, irgendwie wird das Muster aufgezeichnet und danach dann gefärbt. Wie genau, hab ich irgendwie verpasst.

Zum Färben werden auf jeden Fall auch künstliche Farben verwendet, mit den natürlichen muss die Seide wohl einige Stunden kochen.

Aus diesen Fadenflächen werden dann die Stoffe gewebt, das passiert hier in Handarbeit. Schon eine ganz schön eintönige Arbeit.

Nebenan wird weißer Seidenstoff maschinell gewoben. Das ist extrem laut, aber keine der Arbeiterinnen hat die (vorhandenen) Ohrenschützer aufgehabt. Mir haben die Ohren schon nach fünf Minuten geklingelt.

Schließlich haben wir noch gesehen, wie aus diesem Stoff mit Batiktechniken – Level Profi – bunte Tücher entstehen. Was etwas traurig ist, die maschinellen Tücher waren eigentlich viel weicher als die handgemachten, die fast steif waren. Abschließend ging es noch in die Teppichweberei, wo kleine Kunstwerke als Wandteppiche entstehen. Es dauert wohl ein Jahr bis einer fertig ist. Ein Quadratmeter kostet dann 3500€, da kann man sich dann mal den Stundenlohn ausrechnen…

Als ich aus der Fabrik draußen war, war es schon halb vier. Da der Restauranttipp nicht weit entfernt war und ich außer meinem Käsebrot noch nicht viel gegessen hatte, ging ich direkt dorthin und es ging käsig weiter. Ich hatte Pide mit Käse und Honig dazu (!) und hausgemachten Eistee, danach noch einen Cappu. Und das kostete mich keine 8€.

Im nächsten Shop kaufte ich mir noch etwas Obst für abends und morgen und lief zum Hostel zurück. Dort machte ich es mir auf der Couch im Garten gemütlich, unterhielt mich mit einigen Nachbarn und stellte fest, dass meine Zugplanung für morgen einen Haken hatte. Dummerweise komme ich nämlich in Taschkent Zentral an, der andere Zug fährt aber in Süd ab und die Zeit von einem zum anderen reicht nicht. Mist. Die Tickets kann man leider nicht stornieren, war jetzt aber nicht so teuer. Das Hotel für abends dafür schon und somit lande ich morgen mal wieder in Taschkent… Hab mich für eine Nacht im Hostel direkt im Bahnhof eingemietet, der Zug am Samstag früh fährt dann nämlich am richtigen Bahnhof ab…
Jetzt ist es halb 8, ich werde noch ein wenig den Garten genießen und dann hoffentlich gut schlafen. Morgen muss ich schon um halb 7 los zum Zug…
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