12.09.25 - Von den Ruinen in Merv zurück in die Freiheit

Die Nacht war so lala, die Matratze hing mal wieder leicht durch, sodass ich am äußersten Rand balancierte. Um 7 war ich wach und ging mit Kindle auf den kleinen (stuhllosen) Balkon, wo mich die Sonnen begrüßte. Dann gingen wir frühstücken und ich bestellte mir direkt den Cappu des Tages. Hätte echt gedacht, dass ich den in Turkmenistan nicht bekommen würde.

Um neun starteten wir mit einem dritten Fahrer und normalem Auto. Nach ein paar Irrwegen – Silje hatte beschlossen, das Buch des 1. Präsidenten als Andenken haben zu wollen, in Ashgabat gab es das, aber da wollte sie noch nicht – fuhren wir eine gute halbe Stunde nach Merv.

Merv war vor langer langer Zeit (12. Jh. etwa) eine der größten Städte der Welt mit einer halben Million Einwohner. Doch dann kam… ja genau, der wieder, Dschingis Khan bzw. einer seiner Söhne. Etwa 300000 Menschen wurden da wohl abgeschlachtet. Und von dieser Stadt gibt es noch ein paar Reste, die wir uns nun ankucken wollten.

Silje hatte sehr hohe Erwartungen und wohl einiges darüber gelesen, sie war eher enttäuscht. Ich hatte die Details nicht so im Kopf, aber eigentlich war es auch nicht viel anders als die Burgen bei Khiva. Das Areal der alten Stadt ist riesig, aber weitgehend sieht man nur noch Mauerreste bzw. Erdwälle. Wie Nisa auch gehört es zum Unesco Weltkulturerbe.

Gestern hatten wir ja in Nisa schon versucht, Merjen freundlich zu verstehen zu geben, dass wir gerne alleine rumlaufen würden, heute starteten wir wieder bei Null und bekamen sie nicht von unsren Fersen. Sorry, bitte nicht falsch verstehen, das soll ja nicht respektlos sein oder so. Aber wir hatten uns ja bewusst für eine Tour ohne Guide entschieden und wollten doch nur das bekommen was „part of your program“ ist. Keine Chance. Und leider ist ihr Informationsgehalt nicht höher als das, was man auch überall nachlesen kann.

Zunächst ging es zu dem noch am besten erhalten Gebäude, es war wohl der Palast für die Frauen. Der für die Herren nebenan war deutlich kleiner und mehr verfallen. Der Weg dazwischen (blind zu laufen, problemlos mit einem normalen Fahrrad befahrbar) war ihr eigentlich zu gefährlich, wir sollten außenrum und über die Straße laufen. Ich musste kurz an meine Gradwanderung bei Chimgan denken.

Danach waren wir auch noch so verrückt, wir wollten einfach vielleicht einen knappen Kilometer zu Fuß zu den nächsten Mauern laufen. Wir hatten noch 7 Stunden mindestens im Auto vor uns, wenigstens einmal Füße vertreten muss doch drin sein. War schwierig. Sie war auch nicht bereit, selbst ins Auto zu steigen, obwohl der Weg doch so weit war, weil sie ernsthaft Angst hatte, wir könnten uns auf geteerter Straße verletzen. Ganz ehrlich, die einzige, die vielleicht Probleme beim Laufen hat, ist sie selbst. Klingt jetzt vielleicht etwas aggro, aber es war schon anstrengend. Angeblich macht sie den Job ja seit zwei Jahren, auch wenn wir das nicht glauben können, aber das man minimal auf Interessen der Touris eingehen könnte, ist nicht bis zu ihr durchgedrungen. Oder Gehirnwäsche, alles musste exakt nach Programm ablaufen, wir mussten sogar unterschreiben, dass wir auf Markt, Kirche und weitere Moschee freiwillig verzichteten.

Die restlichen Ruinen waren nichts wirklich Besonderes bzw. so sehr restauriert, dass man von den ursprünglichen Mauern nichts mehr sehen konnte. So waren wir schneller durch als erwartet.

Nun ging es nochmal ins neuere Merv und doch auf den Markt (der sicher authentischer war als der „in your program“), denn mit dem Präsi-Buch waren wir noch nicht erfolgreich. Erstaunlich, dieses Buch war viele Jahre Teil des Lehrplans (oder der ganze?), jeder Turkmene musste es lesen und nun findet man es nirgends? Sehr suspekt. Aber tatsächlich, auf dem Markt verkaufte ein altes Männlein gebrauchte Bücher und eines davon war das richtige.

Dann ging es auf die lange Reise nach Farap an der usbekischen Grenze. Eigentlich nur gut 250km, aber die Straße war v.a. in der ersten Hälfte genauso beschissen wie die am ersten Tag. Auch hier sind viele LKWs unterwegs, davon bestimmt ein Drittel aus der Türkei. Muss mal rausfinden, was die hierher liefern oder holen, woanders hab ich sie nicht gesehen. Naja, eigentlich sind sie auch nicht aus der Türkei, sondern haben deutsche Wurzeln und oft auch noch die Speditionsbeschriftungen.

Die Strecke zog sich, am Ende waren es etwa 5 Stunden. Sinnlose Vergeudung von Lebenszeit, auch für all die Fahrer, nur weil der kleine Junge auf dem Thron lieber lustige weiß-goldene selbstherrliche Monumente baut, statt sein Geld aus Gas und Öl sinnvoll in sein Land zu investieren. Hauptsache Ashgabat sieht aus wie Dubai für Anfänger, dass junge Männer auf dem Highway ihr Geld damit verdienen, dass sie die Schlaglöcher (oder Krater) mit Schotter füllen und dafür Trinkgeld bekommen, scheint ihm völlig egal zu sein. Schauen wir mal, was passiert, falls es die restliche Welt irgendwann doch schafft, mit erneuerbaren Energien zu überleben und keiner mehr sein Gas haben will…

Gegen halb 5 waren wir dann endlich am Ziel, das übrigens auch nirgends ausgeschildert ist. Farap steht auf den Schildern, Usbekistan nicht. Das Handy explodierte, ich hatte wieder Internet und die Whatsapp-Nachrichten prasselten herein. Unsere Pässe wurden kontrolliert, wir bestiegen einen Bus und wurden zur eigentlichen turkmenischen Grenzkontrolle gefahren. Scheinbar war gerade Pause, keiner arbeitete, sonst wäre es sehr schnell gegangen. Nach einiger Wartezeit wurde das Gepäck durchleuchtet und wir verabschiedeten uns von Merjen. Alles in allem war sie ja echt nett, aber eben auch sehr anstrengend.

Die Gepäckkontrolle war eine Enttäuschung, ich hatte doch extra die Fotos im Matheordner versteckt, da es hieß, es würden Kameras oder Notebooks kontrolliert… Nix! Dann gings zur echten Passkontrolle und das Geräusch des Ausreisestempels klang sehr befreiend. Es war schön, aber wir waren auch echt froh, nun wieder in ein freies Land einzureisen.

Es ging zum nächsten Bus, der Fahrer wollte Manat, das wäre wieder eine sinnvolle Info gewesen, wir hatten gerade die letzten an Merjen überreicht, da man sie außerhalb des Landes nirgends tauschen kann. Mit Som war es etwas teurer, aber naja, Hauptsache weg. Dann waren wir endlich auf usbekischer Seite, nach einem weiteren Bus, Passkontrolle mit Stempel und Gepäckdurchleuchten ging es durch das letzte Tor in die Freiheit, wo uns schon unser Fahrer erwartete. Der arme, laut Tourprogramm hätten wir um 4 da sein sollen, es war inzwischen halb 6. Und dabei hatten wir weder zu Mittag gegessen noch Kirche und Moschee besucht.

Wir wurden verladen und es ging über ganz wunderbare Straßen nach Bukhara zurück, wo wir gegen halb 8 ankamen. Die Innenstadt war gerammelt voll, hier ist seit ein paar Tagen eine Biennale, und wir liefen die letzten Meter zu Siljes Hotel. Der Typ an der Rezeption war super nett und ich durfte bei Silje duschen.

Dann gingen wir ins Zentrum und fanden auf einer Dachterrasse ein Plätzchen für ein letztes gemeinsames Bier. War eine sehr schöne gemeinsame Zeit, auch wenn unsere Einstellung zu Klimaanlagen kaum gegensätzlicher sein könnte.

Mit einem Eis schlenderten wir dann noch eine Runde durch eine Open Air Ausstellung und waren kurz nach 10 wieder im Hotel. Ich packte meine Sachen, wir verabschiedeten uns und ich musste ein Stück laufen, da Yandex-Fahrer nicht ins Zentrum kamen. Dann gings zum Bahnhof, wo um Viertel 12 mein Zug nach Taschkent abfuhr. Bei unserem Fahrtempo am Nachmittag war ich sehr froh, mich für den spätesten entschieden zu haben. Auch wenn der Grund war, dass der auch um spätestens, nämlich erst um 7 in Taschkent ankommen sollte.

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